Negativrekord bei Gründungszahlen. Wir verspielen unsere Zukunft!

Vergangene Woche wurde von der KfW die Vorabauswertung des jährlich erscheinenden Gründungsmonitors veröffentlicht. Das Ergebnis ist ein historischer Negativrekord: 2017 Jahr hatten wir 557.000 Neugründungen. 115.000 Gründungen weniger als ein Jahr zuvor. Ein Minus von 14%. Der dritte Negativrekord in Folge. Es ist das offensichtliche Zeugnis einer vergangenheitsorientierten Politik.

Das betrifft Dich nicht? Du bist ja „nur“ angestellt? Pustekuchen! Die durchschnittliche Lebensdauer eines Unternehmens ist lediglich 8-10 Jahre. Auch als Angestellte*r sollte die Gestaltung zukunftsorientierter Arbeitsplätze in Deinem Interesse sein. Die aktuelle Herausforderung unterstreicht das Eingangsstatement des KfW-Gründungsmonitor 2016:

„Gründer sorgen für einen steten Wettbewerbsdruck. Sie zwingen so etablierte Unternehmen dazu, sich ständig auf den Prüfstand zu stellen und das Beste aus sich herauszuholen. Dies stärkt die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Wirtschaft. Ein reges Gründungsgeschehen macht eine Volkswirtschaft somit fit für die Zukunft.“

Dieses Statement stimmt. Noch viel mehr, da wir mit der Digitalisierung in eine neue Epoche eingetreten sind. Ein Zeitalter des permanenten Wandels. Zur bisherigen Rolle Deutschlands habe ich HIER geschrieben. Bislang sind wir weit von der Rolle eines Zukunftsgestalters entfernt. Dies wird sich rächen. Nicht heute. Vielleicht auch noch nicht morgen. Aber spätestens in einigen Jahren!

Die Politik sollte Zukunftsgestaltern mehr Freiraum geben

Zur Kernaufgabe der Politik gehört die Gestaltung zukunftsorientierter Rahmenbedingungen. Die Sicherung einer lebendigen Gründerszene sollte hierbei zu den wichtigsten Zielen gehören – gerade für die schwierige Anlaufphase. Und tatsächlich. Im Koalitionsvertrag findet sich auch ein entsprechender Absatz:

„Um Gründungen aus der Beschäftigung auch für Arbeitnehmer zu ermöglichen, die weder auf ihr Einkommen verzichten noch das Risiko eines Jobverlusts auf sich nehmen können, werden wir analog dem Modell der Familienpflegezeit die Möglichkeit einer „Gründungszeit“ einführen. […] Für Gründungen aus der Arbeitslosigkeit soll das Instrument des Existenzgründerzuschusses fortgeführt werden.“

Top! Ein Lob an die Weitsicht der Autoren dieser Zeilen! In der internationalen Gründerszene hat sich der Begriff „German Angst“ gefestigt. Generell haben wir eben ein stärkeres Sicherheitsbedürfnis als Menschen vieler anderer Nationen. Das ist nicht schlimm. Kann sogar zur Stärke werden, wenn man diese Tatsache entsprechend in den Instrumenten der Gründungsförderung berücksichtigt. Genau wie hier geschehen. Grandios!

Es gibt nur einen kleinen Haken: Die Passage ist aus dem Koalitionsvertrag von 2013. Schauen wir uns also an, was in den vergangenen vier Jahren passiert ist.

Bei der Gründungszeit können wir es relativ kurz halten: NICHTS! Für mich ist das mehr als verwunderlich, da im Koalitionsvertrag nicht „wollen“ oder „prüfen“ steht, sondern mit „werden“ ein konkreter Beschluss gefasst wurde. Ich habe an unterschiedlichen Stellen immer wieder nachgehakt [Hier z.B. bei Brigitte Zypries | Antwort]. Leider hat mir bislang noch niemand beantwortet, warum dieses Vorhaben nicht in die Tat umgesetzt wurde. Vier verpasste Jahre! Gerade im Hinblick auf die permanent rückläufigen Gründerzahlen und die damit einhergehenden verpassten Chancen für die Zukunftsgestaltung unseres Landes ist das für mich mehr als unverständlich!

Ok. Drücken wir ein Auge zu. Politik ist ein anstrengendes Geschäft. Mit Innovation und echter Zukunftsgestaltung lässt sich eben leider keine Wahl gewinnen. Schauen wir also noch mal in den aktuellen Koalitionsvertrag. Auch hier ist wieder von diesem Instrument die Rede:

„Um Gründungen aus der Beschäftigung zu erleichtern, prüfen wir die Einführung einer Gründerzeit ähnlich der Familienpflegezeit.“

Super! Endlich! Aber schon wieder ein DICKER Haken: Hier steht nicht mehr „werden“, sondern lediglich „prüfen“. Zwischen den Zeilen bedeutet dieses „prüfen“ meist, dass ein Punkt keine wirkliche Priorität hat und oftmals unter den Tisch fällt!

Wie bitte!? Die Gründerzahlen in unserem Land stürzen auf einen historischen Tiefstand und die Regierung „prüft“ lediglich? Ok. Vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm, wie ich denke. Wir haben ja noch immer den Gründungszuschuss, um den Lebensunterhalt während der schwierigen Anlaufphase sicherzustellen.

Gründungszuschuss – und sein Weg zum zahnlosen Tiger der Zukunftsgestaltung

Steigen wir erst mit einer kurzen Definition ein: „Der Gründungszuschuss ist eine staatliche Transferleistung zur Förderung einer Existenzgründung, die von der deutschen Bundesagentur für Arbeit an Empfänger von Arbeitslosengeld gezahlt werden kann, die sich hauptberuflich selbständig machen und damit ihre Arbeitslosigkeit beenden.“

Der Gründungszuschuss hat sich seit 2006 als Instrument der Gründungsförderung bewährt. Und schon wieder: ABER! 2011 wurde der Gründungszuschuss von einer gesetzlichen Pflichtleistung in eine „Ermessensleistung mit Vermittlungsvorrang am Arbeitsmarkt“ umgewandelt. Dadurch erhalten nur noch Gründer*innen Zugang zu diesem Instrument, für die es aktuell auf dem Arbeitsmarkt keine offenen Stellen gibt.

Verstehe ich nicht. In Wachstums- und Zukunftsmärkten haben wir viele offene Stellen. Gerade da brauchen wir aber dringend Zukunftsgestalter*innen. Menschen, die den Status quo hinterfragen, Veränderungen unserer Zeit aufgreifen und zukunftsorientierte Geschäftsmodelle entwickeln. Durch Gründer*innen in diesen Bereichen entstehen zukunftsorientierte Arbeitsplätze. Auch dies ist keine neue Erkenntnis. Seit  einiger Zeit werden die Chancengründer im KfW-Gründungsmonitor erfasst. Durch den Vermittlungsvorrang wird aber genau in diesen Märkten das Gründen zu einem Privileg derer, die es sich leisten können. Steht dies nicht im Widerspruch zu unseren Werten einer sozialen Marktwirtschaft? Warum steht eigentlich im aktuellen Koalitionsvertrag nichts mehr vom Gründungszuschuss? Will man bei der Gründerzeit ein bisschen prüfen und den Gründungszuschuss abschaffen?

Mit echter Zukunftspolitik gewinnt man leider keine Wahl. 

Und ja, liebe Entscheidungsträger: Mit einem guten Arbeitsmarkt gehen sinkende Gründerzahlen einher. Diese Antwort lese ich seit Jahren im Gründungsmonitor. Gerade deshalb ist es so wichtig, hier mit entsprechenden Instrumenten entgegenzuwirken. Passiert ist die letzten vier Jahre kaum etwas – zumindest was die Sicherstellung der persönlichen Lebenshaltungskosten während der Anlaufphase angeht.

Der demografische Wandel hat Deutschland fest im Griff. Mit dem zunehmenden Anteil älterer Menschen ist es vor allem diese Zielgruppe, die unsere Regierung stellt. Mit Zukunftsthemen gewinnt man offensichtlich keine Wahl. Wolfgang Gründinger bringt es mit der Inhaltsangabe seines Buches „Alte-Säcke-Politik: Wie wir unsere Zukunft verspielen“ auf den Punkt: „Noch geht es uns gut in Deutschland. Doch Politiker und Manager verschlafen die Megatrends unserer Zeit und setzen unseren Wohlstand aufs Spiel. Der demografische Wandel, die digitale Revolution und die soziale Spaltung werden von der Elite unseres Landes in Sonntagsreden wortreich abgehandelt, doch wirkungsvolle Taten sucht man vergebens. Die Politik verwaltet die Gegenwart, anstatt die Zukunft zu gestalten.“

Recht hat er. Und jetzt? Meinen Ärger habe ich erst einmal runtergetippt. Verändert hat sich dadurch nichts.  Eines kann ich versprechen: Ich werde die Politik weiter nerven. Laut sein! Werde nicht zuschauen, wie wir unsere Zukunft verspielen. Gerade in diesen turbulenten Zeiten gilt es mehr denn je, sich auf die Gestaltung zukunftsorientierter Lösungen zu fokussieren. Wenn die Politik nicht will, sind wir als Zivilgesellschaft gefragt. Müssen selbst handeln. Darauf werde ich mich zukünftig noch mehr fokussieren. Freue mich über jede*n Mitstreiter*in! Lasst uns nicht länger wegschauen. Eine enkeltaugliche Zukunft will gestaltet werden! JETZT!

2018-02-27T07:56:52+00:0026. Februar, 2018|Kategorien: Allgemein|2 Kommentare

2 Comments

  1. […] der politischen Tatenlosigkeit für die wichtige Vorbereitungs- und Anlaufphase habe ich in meinem letzten Beitrag geschrieben. Crowdfunding bietet gerade für die Markteinführung von Gründungen und […]

  2. […] der politischen Tatenlosigkeit für die wichtige Vorbereitungs- und Anlaufphase habe ich in meinem letzten Beitrag geschrieben. Crowdfunding bietet gerade für die Markteinführung von Gründungen und […]

Hinterlassen Sie einen Kommentar

* Die Bestätigung der DSGVO ist verpflichtend.

Ich stimme zu