Gewohnheiten und die Herausforderung echter Veränderung

Gerade hatten wir sie wieder: Die Zeit der Rituale: Weihnachten, die Tage zwischen den Jahren, Sylvester und Neujahr. Gleichzeitig starten wir mit guten Vorsätzen voller Tatendrang in das neue Jahr. Sind in Aufbruchsstimmung. Leider beerdigen wir viele dieser Vorsätze wir fast genauso schnell, wie wir sie uns erdacht haben. Als Menschen sind eben „Gewohnheitstiere“. Wir haben gute und schlechte Angewohnheiten. Beides in unseren Routinen verankert. Wir stecken in tief in unseren eigenen Mustern fest. Mit echter Veränderung tun wir uns schwer. Hier gibt es viele Parallelen zu unseren gesellschaftlichen Herausforderungen und politischen Reformstau.

Das Problem mit echter Veränderung: Eine Familiengeschichte

In meiner Familie ist etwas Verrücktes passiert. Meine Geschwister und ich haben bodenständige Jobs gelernt: Landwirt, Kinderpflegerin und Schreiner. Auf Umwegen sind wir aber alle in systemischen Veränderungsprozessen gelandet. Ich über Umwege irgendwo auf der Metaebene zwischen Politik und Social Startups. Meine Schwester hat eine Weiterbildung zur Erzieherin, Studium der Kindheitspädagogik und Schulungen im Bereich der systemischen Familientherapie durchlaufen. Letztere hat sie am Beispiel unserer Familie absolviert. Bis dahin war ich der festen Überzeugung, dass wir einen freien Willen haben: Alles selbst entscheiden. Heute weiß ich, dass die antrainierten Muster unsere Entscheidungsräume stark eingrenzen. Und dann der kleine Bruder: er wurde Physiotherapeut. Hat sich das System Mensch zur Aufgabe gemacht. Kümmert sich darum, wenn es am eigenen Körper zwickt und nicht mehr alles rund läuft. Viele dieser Wehwehchen schaffen wir uns selbst. Zu wenig Sport oder falsche Bewegung. Es ist immer wieder spannend, wenn wir in der Familie zusammensitzen und über nötige und längst überfällige Veränderung diskutieren. An einem selbst, in der Familie oder in Politik und Gesellschaft. Obwohl wir in scheinbar völlig unterschiedlichen Bereichen aktiv sind, gibt es doch viele Parallelen – gerade, was das eigene Beharrungsvermögen angeht!

Um die Herausforderung echter Veränderung zu verstehen, liebe ich die Geschichte, die mir mein Bruder aus seinem Alltag erzählt hat. Er hat das Behandlungszimmer vorbereitet und hört, wie sich zwei seiner Patienten im Warteraum unterhalten:

Patient A: „Sag mal, machst Du eigentlich die Übungen, die Dir der Sauerhammer mitgibt?“
Patient B: „Naja, nicht so wirklich. Ich mache sie halt so, dass es gut aussieht, wenn ich sie ihm vormachen soll.“
Patient A: #lacht „Bei mir ist es genauso.“

Mein Bruder hört dies. Zweifelt am Sinn seiner Arbeit. Selbst wenn wir Schmerzen haben, bekommen wir es nicht hin die nötige Veränderung anzupacken. Dies kann ich gut auf meine Arbeit übertragen. Eigentlich sind die Schmerzen auf der Metaebene riesig. Wir wissen es. Wir spüren es. Wir müssen etwas verändern! Naja, wir müssten. Nicht heute. Morgen vielleicht…

Es geht um die Zukunft unserer Kinder und der folgenden Generationen!

Szenewechsel. Meine Timeline vor Weihnachten hat zwei Videos immer wieder gezeigt. Vielen von Euch ging es wahrscheinlich nicht anders. Ich musste mir die Tränen verkneifen! Gerade weil es so offensichtlich ist [dazu habe ich hier auch schon geschrieben] und trotzdem jede*r einfach weiter macht. Der Astronaut Alexander Gerst hat eine bewegende Nachricht an seine Enkel geschickt und die 15 jährige Schwedin Greta Thunberg hat beim UN-Klimagipfel eine bewegende Rede gehalten, die es noch einmal auf den Punkt bringt: „Ihr sagt, ihr liebt eure Kinder über alles. Dennoch stehlt ihr euren Kindern die Zukunft.“

Nachricht von Alexander Gerst an seine Enkelkinder

Höchstwahrscheinlich gehörst du genauso wie ich zu den Zukunftsräubern. Mit deinem Konsum. Vielleicht auch über die Firma, in der du arbeitest? Wenn alle Menschen weltweit so leben und wirtschaften würden wie in Deutschland, dann bräuchte die Weltbevölkerung drei Erden. Und was ändern wir daran? Wir steigen jeden Tag aufs neue ins Hamsterrad. Halten diese zukunftszerstörende Maschinerie am Laufen. Wir verhalten uns als Gesellschaft wie die Patienten im Warteraum meines Bruders. Nahezu jedem von uns ist klar, dass wir etwas verändern müssen. Anstatt zu handeln leiden wir aber lieber. Geben die Verantwortung ab. Erst sind die anderen dran: Die Politik, andere Länder, die Wirtschaft… Und so verstreicht Zeit. Anstatt unsere gesellschaftlichen Herausforderungen endlich mit dem nötigen Nachdruck anzupacken stehen wir an der Seitenlinie. Schauen zu und warten. Aber auf was oder wen? Ein Wunder? Superhelden? Oder vielleicht die Politik?

Politik und systemische Veränderung

Ohne es geplant zu haben bin ich in die Welt der Lobbyisten gestolpert. Arbeite dort an Veränderungsprozessen. Bin zum Brückenbauer zwischen Social Startups und Politik geworden. Unterstütze Akteure, die an ganzheitlichen Lösungen einer enkeltauglichen Zukunft arbeiten. Meine Erfahrungen sind gar nicht so verschieden von denen meines Bruders. Je tiefer ich in die Welt unserer politischen Entscheidungsträger*innen eintauche, desto mehr wird mir klar, dass sich um ganz normale Menschen handelt. Auch sie sitzen im Wartezimmer. Wissen, dass sie handeln sollten. Eigentlich müssten! Und doch sind sie in den eigenen Gewohnheistmustern gefangen.

Gestaltung des 21. Jahrhunderts mit den Werkzeugen des 20. Jahrhunderts

Ich baue inzwischen acht Jahre Brücken zwischen tradierten Akteuren und #neuland-Gestaltern*innen. Bei der Industrie- und Handelskammer, Startnext und dem Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland. In dieser Zeit habe ich den Unterschied gelernt zwischen „so machen, dass es gut aussieht“ und echter Zukunftsgestaltung. Eine meiner wichtigsten Erkenntnisse ist, dass echte Veränderungsimpulse meist nicht von Akteuren kommen, die bislang den Status quo verwaltet haben. Im Zeitalter der digitalen Transformation gelten andere Spielregeln. Aber auch die etablierten Akteure profitieren weitere Spieler auf das Feld zu lassen. Davon kann man lernen. Die eigenen Mitarbeiter*innen und Partner*innen inspirieren. Die eigene Organisation mit den Erfahrungen der #neuland-Gestalter*innen zukunftsfähig aufstellen. Dabei geht es um kein ihr oder wir. Es geht um Lösungen! Es geht darum gemeinsam anzupacken!

In den Anfangszeiten des Automobils wäre es verrückt gewsen, die zukünftige Mobilitäts- und Wirtschaftspolitik alleine mit den Pferdezüchtern und Kutschenbauern zu erarbeiten. Hätte man damals so gehandelt, dann gäbe es heute wahrscheinlich unseren wichtigsten Wirtschaftsfaktor nicht.

Albert Einstein: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“

Und wie handeln unsere politischen Entscheidungsträger heute? Berücksichtigen sie das Zitat von Albert Einstein oder sitzen lieber wie die Patienten im Wartezimmer meines Bruders und tun so, dass es gut aussieht – verändern aber nicht wirklich? Schauen wir uns doch exemplarisch ein paar der aktuellen Zukunftsgremien an.

Gründeroffensive ohne echten Gründerspirit

Peter Altmaier hat eine neue Gründeroffensive verkündet. Dafür feier ich ihn! Längst überfällig. Wie wichtig das Thema ist, habe ich HIER schon einmal geschrieben. Jetzt stelle ich gleich ein großes ABER hinten an: In die Initiative ist kein Startup Verband eingebunden oder für den Baustein zu Sozialunternehmertum das Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland. Es wurde sich ausschließlich auf die traditionellen Wirtschaftsverbände beschränkt. Jetzt habe ich fünf Jahre in einer dieser Institution gearbeitet. Und kann versprechen: Die nötigen Veränderungsimpulse kommen nicht alleine aus diesem Kreis!

Da mache ich diesen Institutionen keinen Vorwurf. In deren Entscheidungsgremien sitzen in erster Linie Vertreter (gendern kann ich mir sparen, wie das Foto gut zeigt!) etablierte Unternehmen. Diese kämpfen mit dem Fachkräftemangel, welcher sich beim Aufkommen einer echten Gründerdynamik verstärken würde. Sie würden also ihre eigenen Herausforderungen erhöhen, um echte Zukunft zu gestalten. Daran glaube ich nicht. Bei unseren Gründerzahlen jagt inzwischen seit drei Jahren ein Negativrekord den nächsten. Warum hat man bislang keine Zukunftskonzepte auf den Tisch gelegt? Es wird Zeit für einen echten Aufbruch! Wir hatten lange genug ein “wir tun mal so, dass es gut aussieht”. Das reicht nicht mehr!

Mark Twain: „Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.“

Wenn ich nur Institutionen mit einem Hammer als Werkzeug an den Tisch lasse, reicht dies im Zeitalter der digitalen Transformation nicht mehr aus. Wäre es nicht langsam an der Zeit auch ein paar Leute mit Bohrmaschine und Säge an den Tisch zu bitten? Ist zwar nicht so bequem, aber vielleicht haben wir dann eine höhere Chance auf echte Veränderung!?

Digitale Engagementstiftung ohne digitale Gestalter

Im Zeitalter der digitalen Transformation will auch die Regierung das ehrenamtliche Engagement in die neue Zeit hieven. Hierzu wurde der Aufbau einer Engagementstiftung beschlossen. Toller Schritt! Wichtig, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in dieser Umbruchphase zu gewährleisten! Und dann das nächste ABER: Es ist aktuell geplant, die Gremien der Stiftung ausschließlich mit traditionellen Akteuren zu besetzt. Bei einer Rückfrage hat man mich darauf verwiesen, dass man sich auf die reichweitenstarken tradierten Partner des Hauses beschränkt. Schon verrückt, da das Familienministerium mit seinen Zuständigkeitsbereichen eigentlich die Mehrwerte von Diversität kennen und schätzen sollte. In ihrer Kooperationsfreundigkeit sind viele der eingebundenen Akteure in jedem Fall weiter als das Ministerium selbst. Von einer engen Zusammenarbeit unerschiedlicher Kompetenzen profitieren in jedem Fall alle – vor allem unsere Gesellschaft als Ganzes. Aber leider verhält man sich nicht anders als die Patienten im Wartezimmer meines Bruders. So werden die Schmerzen nicht geringer und echte Linderung nach hinten verschoben. Ist zwar bequemer – aber nicht zukunftsorientiert!

Für echte Veränderung müssen wir handeln. Du. Ich. Wir alle. Gemeinsam. Jetzt!

Ich habe gefragt, auf was du wartest: Das Wunder? Da ist uns bei einem „einfach weiter so“ die Apokalypse wahrscheinlicher. Deine Kinder und Enkel bedanken sich schon heute bei uns! Die Politik? Die beiden Beispiele zeigen, dass man hier auch in alten Gewohnheitsmustern festhängt und die Wahrscheinlichkeit auf echte Veränderung ist in etwa genauso hoch wie bei der Umsetzung unserer Neujahrsvorsätze. Alleine schaffen es unsere Volksvertreter sicher nicht! Bleiben die Superhelden. An die Figuren aus den Marvel-Filmen glaube ich nicht. Aber an dich! An Menschen, die die Hände aus der Hosentasche nehmen und anfangen zu gestalten. Ich tummle mich seit Jahren in dieser Welt. Habe erlebt, was einzelne Menschen und gute Teams bewirken können. Ich bin mir sicher, dass wir uns irgendwann ALLE an den heutigen Zeitpunkt zurückwünschen würden. Eine Zeit, zu der man noch etwas ändern konnte. Schluss mit bloßen Vorsätzen. Zeit zu handeln! Wir sind es unseren Kindern und folgenden Generationen schuldig!

Über meine Social Media Kanäle teile ich immer wieder konkrete Möglichkeiten, wie Du selbst aktiv werden kannst. Schulungen, Gründerprogramme, finanziell oder über dein persönliches Engagement. Also lass uns gerne #GemeinsamWirken

2019-01-07T08:07:30+00:006. Januar, 2019|Kategorien: Allgemein|0 Kommentare

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