Crowdinvesting: Politische Versäumnisse & brachliegende Potenziale [3/3]

In meinen letzten Beiträgen habe ich mich in erster Linie auf die Mehrwerte von gegenleistungsbasiertem („reward-based“) Crowdfunding fokussiert. Also darauf, wenn der Nutzen einer Idee durch die Gegenleistung direkt im Vordergrund der Finanzierungsentscheidung steht. Es gibt eine Reihe weiterer Crowdfunding-Arten. In diesem Beitrag möchte ich auf Crowdinvesting („equity-based Crowdfunding“) eingehen.

Aufgeteilt habe ich das Thema Crowdfunding in drei Beiträge:

  1. Crowdfunding: Potenziale der Digitalisierung für die Gründungsförderung
  2. Cofunding: Stärken etablierter Förderinstrumente mit Crowdfunding kombinieren 
  3. Crowdinvesting: Politische Versäumnisse & brachliegende Potenziale [DIESER BEITRAG]

Klassisches Crowdinvesting: Die Digitalisierung analoger Prozesse

Im Kern handelt es sich bei Crowdinvesting um die Digitalisierung von Beteiligungen am Unternehmen(serfolg) über die Crowd. Grob könnte man sagen, wir entwickeln die Instrumente einer Beteiligung durch Businessangels oder Venture Capital Fonds aus der klassischen Ideenfinanzierung im Einklang mit den Veränderungen der digitalen Netzwerkökonomie weiter.

Unterschiedliche Crowdfunding-Arten im Erklärvideo des Münchner Existenzgründungsbüro

Ähnlich wie bei allen neuen Entwicklungen gehen damit eine Reihe von Chancen und Risiken einher. Hier die Zusammenfassung der wichtigsten Chancen aus meinem Blickwinkel:

Chancen für Gründer*innen/Startups:

  • Besserer Zugang zu Gründungs- und Wachstumskapital – daran mangelt es in Deutschland!
  • Aufbau einer Community, die das Unternehmen auch in anderen Bereichen unterstützen kann.
  • Mit einem verbundenem „Cross Selling“ eigener Angebote können Investoren zu Kunden konvertiert werden.

Chancen für Investoren*innen:

  • Bei einer entsprechenden Diversifizierung des Portfolios erfolgt eine Risikoverteilung.
  • Bereits mit kleinen Summen können junge Unternehmen unterstützt werden.
  • Möglichkeit für die Beteiligung am Exit eines Unternehmens.

Chancen für die Gesellschaft:

  • Mehr innovative Ideen werden realisiert und sorgen für eine zukunftsorientierte Weiterentwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft.
  • Demokratisierung von Investitionen: Nicht alleine klassische Geldgeber entscheiden, welche Ideen das Licht der Welt erblicken, sondern die Mitte der Gesellschaft.
  • Ein Beitrag, um mehr Menschen in Deutschland an die Mehrwerte der Digitalisierung heranzuführen.

Es gibt natürlich auch eine Reihe von Herausforderungen, die mit diesem Finanzierungsinstrument einhergehen. Hier habe ich aus meiner Sicht die wichtigsten Risiken formuliert. WICHTIG: Es handelt sich noch immer um ein junges Finanzierungsinstrument. Viele dieser Risiken würden sich durch eine mutige Gestaltungspolitik von Politik und angeschlossenen Institutionen rasch reduzieren lassen. Nur wer sich den Herausforderungen der Gestaltung von Zukunftsmärkten widmet, kann auch von den damit verbundenen Chancen profitieren.

Risiken für Startups:

  • Shareholder-Reporting und Community-Management: gerade wenn Investoren nicht zur eigentlichen Zielgruppe des Unternehmens gehören, ist dies oft mit einem hohem Aufwand außerhalb des Kerngeschäfts verbunden.
  • Zeitlicher Aufwand: Eine Kampagne ist kein Selbstläufer. Für das Crowdinvesting sollte sowohl vor, während wie auch nach der Kampagne eine Planung entsprechender Ressourcen erfolgen.
  • Geeignete Crowd: Unter den Crowd-Investoren können sich auch “Whistle Blower” oder Konkurrenten befinden. Transparenz sollte deshalb Kernelement der Unternehmenskultur sein.

Risiken für Investoren*innen

  • Keine echten Beteiligungen: Bislang erfolgt Crowdinvesting in Deutschland über Mezzaninkapital. Folglich sind Mitspracherecht und Auskunftpflicht der Investoren*innen begrenzt.
  • Kein Sekundärmarkt: Durch eine Fokussierung auf Nachrangdarlehen ist mit der Anlage eine fixe Laufzeit verbunden. Es ist schwierig, die Beteiligungen ähnlich einer Börse zu handeln.
  • Hohes Ausfallrisiko: Startups haben klassisch ein hohes Ausfallrisiko. Gerade bei Investitionen in diesem Bereich sollte einem klar sein, dass es auch zu einem Totalausfall der Investition kommen kann.

Risiken für die Gesellschaft:

Ich habe lange überlegt. Leider fallen mir keine wirklichen Risiken ein. Ich könnte aufzeigen, was passiert, wenn man Zukunftsthemen weiter ignoriert. Wenn man weiter eine einseitige Förderpolitik analoger Finanzierungsinstrumente forciert. Wir durch unsere politischen Rahmenbedingungen eine zukunftsorientierte Weiterentwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft ausbremsen. Weiter auf eine extraktive statt inklusive Politik bei der Gründungsfinanzierung setzen. Aber hey: Die Statements der Verantwortlichen haben ja gezeigt: Uns egal. Wir machen weiter wie bisher. Die Digitalisierung betrifft zwar laut den Sonntagsreden unserer politischen Entscheidungsträger jeden Bereich. Aber die Gründungsfinanzierung wird als einziger Baustein ausgespart. Gaaaanz bestimmt.

Und schon stecken wir wieder mitten im politischen Wirken. Die Aussagen der zuständigen Ministerien, eine Vielzahl von Austauschrunden und Einblicke in die europäische Szene lassen für mich nur ein Urteil zu: Unsere politischen Entscheidungsträger versäumen seit Jahren eine großartige Chance aktiver Zukunftsgestaltung. Nicht in irgendeiner Teilbrache, sondern mit der Finanzierung von Gründungen und Innovationen einer wichtigen Schlüsselkomponente, die sich auf viele andere Bereiche auswirkt. Man betreibt lieber ein Fördermonopol analoger Finanzierungsinstrumente und wundert sich, dass sich der Sektor in unserem Land nicht wirklich entwickelt. Nimmt man die Digitalisierung ernst und will diesen Umstand tatsächlich ändern, wäre für Crowdinvesting im ersten Schritt zumindest eine Gleichstellung mit der Förderung analoger Beteiligungsfinanzierung wichtig:

In diesem Bereich verweise ich für die Interessenvertretung lieber auf Akteure, die tiefer in dem Thema stecken: So veröffentlichen sowohl der Bundesverband Crowdfunding (Fokus Crowdinvesting/-lending) wie auch das European Crowdfunding Network (ECN) regelmäßig Vorschläge für eine Verbesserung der Rahmenbedingungen. Die Plattform Companisto hat zudem ein Statement publiziert, warum wir endlich echte Eigenkapitalbeteiligung benötigen. Die aktuellen gesetzlichen Rahmenbedingungen hat die zuständige Behörde BAFIN gut zusammengefasst. Regelmäßige Neuigkeiten des Sektors werden zudem auf dem deutschen Brachenportal crowdfunding.de veröffentlicht.

Was wirklich zählt: Nutzen für die Zielgruppe und positive Wirkung!

Ich bin kein Freund kurzfristiger Renditeversprechen. Mich interessiert, was für eine langfristige Wirkung wir mit unserem Handeln erzielen. Gerade bei Geldanlagen setzen sich leider noch immer viel zu wenige Menschen damit auseinander. Auch mit klassischem Crowdinvesting lässt sich hier bereits einiges bewirken. So gibt es z.B. mit bettervest, econeers oder der GLS-Crowd (Übersicht deutscher Crowdinvesting-Plattformen) Portale, die finanzielle Rendite mit einem nachhaltigen Handeln verknüpfen.

Aber sollte – gerade bei der Gründungs- und Innovationsfinanzierung – wirklich die finanzielle Rendite im Vordergrund stehen? Oder geht es nicht vielmehr darum, den Nutzen für die jeweilige Zielgruppe zu maximieren? Daraus erwirtschaftet jedes Unternehmen schließlich seinen Umsatz und folglich auch Gewinn. Es ist also DER Indikator für einen nachhaltigen Unternehmenserfolg. Als Bürger entscheiden wir auch über unseren Konsum, ob ein Unternehmen langfristig erfolgreich ist. Wie wäre es, wenn wir in der Gründungsfinanzierung Rahmenbedingungen schaffen, die die Akzeptanz bei der Zielgruppe mit der Finanzierung verknüpft.

Klingt utopisch? Genau mit diesem Ansatz hat Steffen Marx das Giesinger Bräu von der kleinen Garagen Brauerei zu einer festen Größe der Münchner Brauereien ausgebaut. Die Rendite wird nicht in Form einer finanziellen Zahlung erstattet, sondern in Form von Genussscheinen, die an das eigentliche Kernangebot gebunden sind.

Video zum Crowdinvesting vom Giesinger Bräu 2016

Der Gründer setzt je nach Vorhaben und Finanzierungsbedarf einen Mix aus Crowdinvesting und klassischem Crowdfunding ein. Nimmt seine Zielgruppe also mit auf seine unternehmerische Reise und leistet damit auch einen wichtigen Beitrag zu wirtschaftlicher Bildung. Praktisch. Bodenständig. Innovativ! Die Erfolgsbilanz seiner letzten vier Kampagnen kann sich in jedem Fall sehen lassen:

Das spannende an dieser Erfolgsgeschichte: Alle Investoren und Unterstützer erhalten ihre Gegenleistung direkt über das Produkt. Dadurch konnte Steffen Marx nicht nur die weiteren Ausbauschritte seiner Brauerei finanzieren, sondern hat diese mit einer authentischen und zeitgemäßen Art der Kundenbindung verknüpft. #SoGehtUnternehmertum

Natürlich kommen jetzt wieder die Bedenkenträger: Ja! Crowdfunding und -investing finden aktuell in erster Linie für Angebote von Endkunden statt. Aber wir vergessen bei der Gestaltung von Zukunftsmärkten immer wieder, dass es sich noch um junge Themen handelt. Crowdfunding in seiner heutigen Form gibt es erst seit 2006. Mit Seedmatch ist die erste deutsche Crowdinvesting-Plattform 2011 an den Start gegangen. Aus der Brille des Gründungsberaters ist es für mich keine Frage, ob sich die verschiedenen Crowdfundingarten durchsetzen, sondern ob wir es schaffen, in Deutschland nachhaltig Plattformen zu etablieren. Wenn die Politik hier nicht schleunigst an besseren Rahmenbedingungen arbeitet, werden Akteure aus anderen Ländern diesen wichtigen Markt übernehmen. Entwickeln sich Crowdfunding/-investing erst einmal in dem für Deutschland wichtigen B2B-Sektor, können wir einen jahrelangen Rückstand nicht einfach kurzfristig aufholen. Aktuell tut die Politik in jedem Fall alles dafür, analoge Finanzierungsalternativen gegenüber dem Crowdfunding zu bevorteilen. Die aktuelle Politik verhält sich geradezu paradox, denn sie ist praktisch damit vergleichbar, als wäre bei der Entstehung des Automobils der Bevölkerung ein Zuschuss für den Kauf einer Kutsche gewährt worden. Unser wichtigster Wirtschaftssektor hätte sich dann wohl kaum entwickelt. Ich würde sagen, da hat die alte Finanzelite sehr gute Lobbyarbeit geleistet. Glückwunsch dafür – auch wenn dadurch definitiv nicht im Sinn einer zukunftsorientierten Weiterentwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft gehandelt wurde! #MakeKutschenGreatAgain

Eigentlich müsste an dieser Stelle noch ein Beitrag zu genossenschaftlichem Crowdinvesting stehen. Dazu werde ich noch einen gesonderten Beitrag veröffentlichen. In dem Thema schlummert einfach zu großes Potenzial um es mal kurz nebenbei abzufrühstücken.

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2018-08-31T19:48:51+00:0025. Juli, 2018|Kategorien: Allgemein|0 Kommentare

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