Crowdfunding: Potenziale der Digitalisierung für die Gründungsförderung [1/3]

Die KfW vermeldete kürzlich bei den Gründungszahlen den 3. Negativrekord in Folge. Bezüglich des politischen Nachholbedarfs für die wichtige Vorbereitungs- und Anlaufphase habe ich in meinem letzten Beitrag geschrieben. Crowdfunding bietet gerade für die Markteinführung von Gründungen und Innovationen enormes Potenzial. Da es sich um ein sehr umfangreiches Thema handelt, habe ich den Inhalt in drei Beiträge aufgeteilt:

  1. Crowdfunding: Potenziale der Digitalisierung für die Gründungsförderung [DIESER BEITRAG]
  2. Cofunding: Stärken etablierter Förderinstrumente mit Crowdfunding kombinieren
  3. Crowdinvesting: Politische Versäumnisse & brachliegende Potenziale

Crowdfunding: Die eierlegende Wollmilchsau der Ideenrealisierung?

Ich war Gründungsberater. Habe weit über 1.000 Gründer*innen auf ihrem Weg zum eigenen Unternehmen begleitet. Dabei gesehen, wie die Zukunftsgestalter*innen immer wieder an den gleichen Fehlern scheitern. Das hat mich ein Stück weit frustriert – bis ich Crowdfunding entdeckt habe. Ein Prinzip, das bei einer entsprechenden Wirkungsentfaltung zur eierlegenden Wollmilchsau der Ideenrealisierung werden kann. Deshalb habe ich das Thema bei meinem alten Arbeitgeber aufgebaut [wurde von Linette Heimrich stark ausgebaut #RESPEKT] und musste letztendlich meinen Job kündigen, um noch näher an dieses wichtige Zukunftsthema zu rücken. Bei der Crowdfunding-Plattform Startnext und beim European Crowdfunding Network durfte ich an den nächsten Ausbaustufen dieser großartigen Ideenrealisierungsmaschine mitwirken.

Während endlosen Gesprächen mit Entscheidungsträgern aus Politik, Ministerien und öffentlichen Institutionen kam mir oft die vielzitierte Aussage von Henry Ford in den Sinn: “Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt schnellere Pferde.” In diesem und den beiden folgenden Beiträgen möchte ich dafür werben, bei staatlichen Instrumenten [also dem Einsatz unserer Steuergelder] ein einseitiges Fördermonopol der “Pferdezüchter unter den Gründungsförderern” zu beenden und endlich zeitgemäße “Automobilmanufakturen der Ideenrealisierung” gleichwertig zu behandeln.

Was ist Aufgabe der öffentlichen Gründungsförderung?

In einer sozialen Marktwirtschaft greift der Staat in erster Linie dann ein, wenn der Markt selbst versagt. Er sorgt dafür, dass Interessen der Gesellschaft als Ganzes im Vordergrund stehen. Im Bereich der Gründungsförderung geht es darum, den Newcomern im harten Marktumfeld den Start zu ermöglichen und den besten Ideen zur Wirkungsentfaltung zu verhelfen. Gerade in Deutschland wird dieses Thema stark durch öffentliche Förder- und Finanzierungsinstrumente der öffentlichen Hand gelenkt. Folglich sollte der Fokus hier auf der Lösung der größten Herausforderungen unserer Gründern*innen liegen.

Schauen wir uns im ersten Schritt an, welche Kernakteure im klassischen Prozess der Ideenrealisierung involviert sind:


Akteure im Prozess der Ideenrealisierung

Der Kern einer jeden Geschäftsidee ist eine Person oder ein Team, die das Vorhaben auf die Straße setzen möchten: Gründer*in

Dann gibt es Akteure mit dem nötigen Kleingeld für die Realisierung der Idee: Ideenfinanzierer (meist Banken und Investoren)

Irgendjemand sollte auch einen Mehrwert durch die Umsetzung der Idee haben und bereit sein, für den Nutzen (Produkt/Dienstleistung) Geld auf den Tisch zu legen (daraus entstehen Umsatz/Gewinn): Kunden/Nutzer

Alles kein Rocket-Science. Schauen wir uns im nächsten Schritt den klassischen Prozess der Ideenfinanzierung an:


Klassischer Prozess der Ideenfinanzierung

Der/die Gründer*in fasst die Geschäftsidee in einem Businessplan zusammen. Mit diesem bewerben sie sich bei Ideenfinanzierern für die finanziellen Mittel zur Realisierung der Idee. Diese entscheiden durch Zu- oder Absage über die Realisierung des Vorhabens.

Die potenziellen Kunden/Nutzer bleiben bei diesem traditionellen Prozess der Entscheidungsfindung außen vor. Dabei sind sie über Umsatz/Gewinn der wichtigste Garant für den langfristigen Erfolg einer Geschäftsidee. Dieser systemische Fehler im klassischen Prozess der Ideenfinanzierung wirkt sich auch auf die häufigsten Gründe für das Scheitern junger Unternehmen aus:

Startup Failure Post-Mortems – CB Insights

Es ist nicht verwunderlich, dass in diesem klassischen Prozess die meisten Gründer*innen am Markt selbst scheitern. Also daran, ob wir als potenzielle Kunden bereit sind, für das jeweilige Vorhaben die geforderte Summe als Austauschleistung auf den Tisch zu legen. Hier sind die Ursachen unterschiedlich: Mal wird das Produkt nicht gebraucht, die Gründer*innen können nicht verkaufen, sprechen die falsche Zielgruppe an, haben ein Angebot, das andere schon in einer besseren Version anbieten, es gibt eben keinen Bedarf oder man ist einfach seiner Zeit voraus…

Zudem kommen viele Vorhaben, die Kriterien und Zielen der klassischen Ideenfinanzierer nicht entsprechen, oft gar nicht an den Start.

Crowdfunding: Potenziale einer zeitgemäßen Gründungsförderung

Analog ist/war dieser Prozess aufgrund seiner Komplexität schwierig anders darzustellen. Inzwischen stecken wir aber mitten im Zeitalter der Digitalisierung. Hier haben wir neue Möglichkeiten, Prozesse besser miteinander zu verknüpfen und reale Marktentscheidungen in den Entscheidungsprozess einzubeziehen. Weltweit etabliert sich hier Crowdfunding zunehmend als Instrument der Ideenfinanzierung. Schauen wir uns im nächsten Schritt den Aufbau einer solchen Kampagne an:


Aufbau einer Crowdfunding-Kampagne

Durch die Kombination verschiedener Elemente schaffen wir Lösungsansätze für viele der Herausforderungen, mit denen sich Gründer*innen sowieso auseinandersetzen müssen: (Teil)Finanzierung, Kommunikation, Markttest und Communityaufbau werden miteinander kombiniert.

Zudem wird durch das Alles-Oder-Nichts-Prinzip ein “erfolgreiches Scheitern” ermöglicht: Erreicht die/der Kampagnenstarter*in das selbst festgelegte Mindestziel beim Crowdfunding nicht, geht das bereits eingezahlte Geld an die Unterstützer*innen zurück. Durch diesen Prozess gehen nur Ideen an den Start, die von der jeweiligen Zielgruppe nachgefragt und deshalb unterstützt wurden. Dadurch haben wir nicht nur den Schlüssel zu einer “nachfrageorientierten Innovationspolitik” in der Hand, sondern auch das Potenzial für den Aufbau einer Kultur des Experimentierens und Ausprobierens.

Die Rolle der Akteure im Prozess der Ideenrealisierung verändert sich dabei grundlegend:


Prozess der Ideenfinanzierung über Crowdfunding

Bei gegenleistungsbasiertem Crowdfunding entscheiden Gründer*in und relevante Zielgruppen gemeinsam über den Nutzen einer Idee, ob diese realisiert wird – oder eben nicht. Dadurch fokussiert sich der Entscheidungsprozess auf die Akteure, die im Kern für den langfristigen Unternehmenserfolg entscheidend sind. Traditionelle Ideenfinanzierer bleiben außen vor.

Jetzt haben wir also ein wichtiges Instrument für die Lösung der größten Herausforderung von Gründern*innen: NO MARKET NEED!
Die zweitgrößte Herausforderung bleibt aber, gerade bei Vorhaben mit einem größeren Investitionsvolumen, offen: RAN OUT OF CASH!

Vorhaben mit einer hohen Anfangsinvestition können seltenst alleine durch vorweggenommene Umsätze (Crowdfunding ist im Kern nichts anderes) finanziert werden. Investitionen werden aus diesem Grund ja auch über mehrere Jahre abgeschrieben. Hier sind also auch weiter klassische Finanzierungsinstrumente nötig.

Über die Möglichkeiten der Digitalisierung haben wir große Potenziale, bestehende Prozesse zum Nutzen der jeweiligen Zielgruppe weiterzuentwickeln. Gerade zur Lösung der größten Herausforderung von Gründern*innen liegt es nahe, die Stärken klassischer Ideenfinanzierung mit denen des Crowdfundings zu kombinieren:


Kombination der Stärken klassischer Gründungsförderung mit denen des Crowdfunding

Würde die Politik die Herausforderungen unserer Gründer*innen ernst nehmen, sollte sie gerade in einem Zeitalter des permanenten Wandels alles daran setzen, diesen Zukunftsgestalter*innen zeitgemäße Rahmenbedingungen für die Realisierung ihrer Ideen an die Hand zu geben. Gerade zu einer Zeit, in der wir einen historischen Negeativrekord bei den Gründungszahlen erreicht haben und an allen Ecken bei der Digitalisierung hinterherhinken.

Und siehe da: Genau das ist passiert! Im Koalitionsvertrag von 2013 wurde folgender Absatz beschlossen:

“Wir wollen bewährte Instrumente der Gründerunterstützung in Zusammenarbeit mit der KfW weiterentwickeln. Die Gewährung der Instrumente kann dabei an die Nutzung von Crowdfunding („Schwarmfinanzierung“) geknüpft werden.”

Super! Man nimmt die Digitalisierung ernst. Wechselt von der Rolle des analogen Verwalters in die eines digitalen Gestalters. Genau das brauchen wir, wenn wir unser Land fit für die Zukunft machen wollen. Ich bin begeistert und sehr gespannt auf die Umsetzung… Ich warte. Und WARTE!

Ob sich das Warten gelohnt hat, was mir bei den Gesprächen mit unterschiedlichsten Entscheidungsträgern passiert ist und ob die öffentliche Gründungsförderung weiter ein “Fördermonopol für das Satteln von Pferden” aufrechterhält, erzähle ich Euch in meinem nächsten Beitrag!

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2018-07-25T17:16:56+00:0031. März, 2018|Kategorien: Allgemein|2 Kommentare

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