Als Landwirt auf dem Weg ins #neuland

Ich habe meine Wurzeln in der Landwirtschaft. Habe Landwirt gelernt. Weiterbildungen zum Fachwirt und Betriebswirt gemacht. Auf dem Betrieb meiner Eltern wollten wir einen neuen Kuhstall bauen. Ich habe die Kosten den zu erwartenden Einnahmen gegenübergestellt. Immer wieder. Die Rechnung wollte einfach nicht aufgehen. Damals konnte ich es nicht verstehen. Habe mich am Ende gegen den Bau entschieden. Für einen anderen Lebensweg.

Als Landwirt auf den Weg ins #neuland from Markus Sauerhammer on Vimeo.

Eine Veränderung wie in der Landwirtschaft steht anderen Branchen unmittelbar bevor

Kaum eine Branche wurde bislang durch den technologischen und gesellschaftlichen Wandel so auf den Kopf gestellt wie die Landwirtschaft. Wenn ich heute auf diese Zeit zurückblicke, sehe ich viele Parallelen zu den aktuellen Veränderungen, die mit der Digitalisierung einhergehen. Eine solche Veränderung steht vielen Branchen unmittelbar bevor. Aber das ist nicht schlimm. Das Gegenteil ist der Fall. Diese Veränderung bringt viele Chancen mit sich.

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Quelle: Landwirtschaft im Wandel, i.m.a.; Ausgaben für Nahrungsmittel in Deutschland, Statista

Durch technologischen Fortschritt und eine bessere Bildung ernährt ein Landwirt heute mehr Menschen als jemals zuvor. In der Folge werden heute aber auch nicht mehr so viele Landwirte benötigt, um alle Menschen in Deutschland satt zu machen. Die Anzahl der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft ist deshalb auch von 1949 bis 2004 um 82% zurückgegangen. Wir haben jetzt aber nicht vier Millionen Arbeitslose mehr. Das Gegenteil ist passiert. Heute haben wir in Deutschland so viele Erwerbstätige wie noch nie. Wir haben es in der Vergangenheit verstanden, die Chancen des Wandels zu nutzen und damit einen enormen Wohlstand aufgebaut.

Während ein deutscher Haushalt 1949 noch 44% seines Einkommens für Lebensmittel ausgeben musste, sind es heute nur noch 14%. Vereinfacht ausgedrückt haben wir damals von jeder Arbeitsstunde 26 Minuten gearbeitet, um satt zu werden – heute sind es gerade einmal 8 Minuten. Zudem ist die durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 48 auf 38 Stunden gesunken. Unsere Gesellschaft hat von diesem Fortschritt extrem profitiert.

Die Veränderungen durch die Digitalisierung laufen nach dem gleichen Schema ab

Durch die Digitalisierung werden wir in sehr vielen Branchen ähnliche Veränderungen erleben. Wir stecken gerade mitten im Epochenwandel zwischen analogem und digitalem Zeitalter. Die Veränderung passiert so schnell wie noch nie. Während es früher viele Jahre gedauert hat, bis sich bahnbrechende Innovationen durchgesetzt haben, sind wir mit der Digitalisierung in ein Zeitalter des permanenten Wandels eingetreten.

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Quelle: Marktkapitalisierung DAX 30 auf finanzen.net und für die US-Unternehmen über boersennews.de am 24.03.2016

Die Welt verändert sich. Wir machen aber nicht mit. Plakativ verdeutlicht diese Entwicklung eine Gegenüberstellung vom Deutschen Aktienindex mit den #neuland-Gestaltern aus den USA. SAP ist aktuell das wertvollste deutsche Unternehmen und europäischer Musterknabe der digitalen Branche. Die Gründung erfolgte 1972. Damit gehört das Unternehmen zu den „Küken“ im DAX 30. Die digitalen Global Player Microsoft (1975), Apple (1976), Amazon (1994), Google/Alphabet (1998) und Facebook (2004) sind allesamt jünger als SAP (im Video habe ich mich im Eifer des Gefechts ein paar Jahre älter gemacht – wichtig ist jedoch die Botschaft, dass sie alle jünger sind als SAP. Ich hätte es gerne noch einmal aufgenommen, aber leider ist es in Berlin nicht ganz sooo einfach, einen Traktor zu organisieren ;)). Der Börsenwert dieser fünf Unternehmen ist fast doppelt so hoch wie für den kompletten DAX 30 und damit die Speerspitze der deutschen Wirtschaft.

Die Geschichte zeigt uns, dass in Umbruchzeiten die Karten neu verteilt werden. Aktuell sitzen wir mit einer tollen Ausgangslage am Kartentisch und schauen zu, wie sich einer nach dem anderen eine Karte vom Stapel zieht. Wir haben anscheinend keine wirkliche Lust mitzuspielen. Wir konzentrieren uns im #neuland auf die Risiken und übersehen mit unserem hartnäckigen Bedenkenträgertum wie eine Chance nach der anderen an uns vorbeizieht. Die #GermanAngst hat uns fest im Griff. Dabei schlummert in der Digitalisierung das Potenzial, in ein glorreiches Zeitalter einzutreten.

Wir müssen aufhören über den Tellerrand zu schauen. Wir müssen über ihn springen. 

Deutschland könnte für diese Neuausrichtung der Welt einen wertvollen Beitrag leisten. Wir hätten durch unsere besondere Geschichte viel für eine nachhaltigere und gerechtere Weiterentwicklung dieses neuen Zeitalters beizutragen. Wir haben die soziale Marktwirtschaft geprägt. Sind das Land in dem Kommunismus und Kapitalismus aufeinandergetroffen sind. Sind global vernetzt. Das Land der Dichter und Denker. Die Nation der Erfinder und Ingenieure. Wir haben uns immer wieder neu erfunden. Es ist es an der Zeit das „Über den Tellerrand schauen“ zu beenden. Wenn wir die Zukunft mitgestalten wollen, müssen wir mit viel Leidenschaft über den Tellerrand springen. Wir müssen unsere Stärken und Werte in das neue Zeitalter tragen. Dafür möchte ich begeistern. Möchte Mitstreiter suchen. Menschen, die aktuelle Herausforderungen mit Optimismus und Tatkraft angehen. Wir müssen aufhören zu jammern. Immer nach dem Haar in der Suppe zu suchen. Nur die Risiken in den Blick zu nehmen. Wir können die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nicht mit den Werkzeugen des 19. Jahrhunderts lösen.

2016-04-01T09:09:24+00:0029. März, 2016|Kategorien: Allgemein|23 Kommentare

23 Comments

  1. Thomas 29. März 2016 um 23:23 Uhr - Antworten

    Hey Markus,
    Bin gespannt auf deinen Blog & freu mich auf spannende Artikel
    BG
    Thomas

    • teraspri 30. März 2016 um 19:41 Uhr - Antworten

      Danke Thomas. Ein paar Geschichten habe ich noch im Köcher 😉

  2. Peter Monien 30. März 2016 um 9:29 Uhr - Antworten

    Hallo Markus,

    ein guter Artikel, der anhand eines gut gewählten Beispiels darauf hinweist, dass uns große Veränderungen bevorstehen. Statt zu warten und überholt zu werden, sollten wir die Zukunft lieber aktiv mit gestalten.

    Weiter so!

    Beste Grüße, Peter

    • teraspri 30. März 2016 um 19:42 Uhr - Antworten

      Danke Peter! Da sind wir einer Meinung.

  3. Jochem 30. März 2016 um 12:45 Uhr - Antworten

    Moin, Marcus.

    Toll! Genau mit der Geschichte renne ich auch immer auf meinen Vorträgen durch die Gegend und “ernte” hier in Deutschland nur ungläubige Blicke … Es gibt übrigens ein tolles Buch, dass dieses Thema quasi in einer Geschichte erzählt. Mir gefällt das Beispiel der Getreidemühlen darin excellent. Gerade weil hier von ganz klassischen Unternehmen und nicht irgendwelchen Startups die Rede ist. Das gibt dem Ganzen ein ganz anders Gewicht … “Arbeitsfrei: Eine Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen” – Autor: Kurz & Rieger … Extrem lesenswert 🙂

    • teraspri 30. März 2016 um 19:49 Uhr - Antworten

      Danke Jochem! Den Hinweis auf das Buch habe ich heute schon einmal bekommen und es direkt bestellt. Finde ich super, dass mehr Leute unterwegs sind und die Parallelen zwischen landwirtschaftlichem Strukturwandel und technologischem Fortschritt aufzeigen. Irgendwie läuft der Wandel ja immer ähnlich ab. Verrückt, dass wir so wenig aus der Vergangenheit lernen 😉

      • Jochem 1. April 2016 um 17:56 Uhr - Antworten

        Ich hoffe als eBook 🙂 … Ansonsten glaube ich persönlich schon, das wir uns als Gesellschaft weiter entwickeln und auch auf gemachte Erfahrungen im Umfeld “Wandel” zurückgreifen … Aber man darf nicht erwarten, dass alle Vorreiter wie wir sind … Jede Typologie hat ihren Wert … Zu bestimmten Zeiten die Bewahrer mehr, als die Innovativen ,-) … Aber jetzt ist Zeit für uns … taddaaa 🙂

  4. Hannes Schleeh 30. März 2016 um 18:21 Uhr - Antworten

    Klasse erklärt, Markus! Freu mich schon auf weitere Blogposts. Komme leider selbst immer seltener zum Bloggen. Bin übernächste Woche in Berlin und im Mai auf der re:publica würde mich über ein Wiedersehen sehr freuen.
    Landwirtschaftliche Grüße vom Ex Agrarblogger Hannes

    • teraspri 30. März 2016 um 19:53 Uhr - Antworten

      Danke Hannes. Bis ich Deine Bloggererfahrung eingeholt habe muss ich ja eh erst mal ein paar Jahre hardcore am Ball bleiben 😉
      Melde Dich gerne wenn Du in Berlin bist. Ein Wiedersehen bei einem leckeren Kaltgetränk am Abend würde mich auch freuen!

  5. Markus 30. März 2016 um 18:29 Uhr - Antworten

    Cooler Auftakt mit viel Infos. Man merkt Du lebst für deine Mission! Bin neugierig auf die Fortsetzung…viel Erfolg und Spaß dabei!
    Markus

    • teraspri 30. März 2016 um 19:56 Uhr - Antworten

      Danke Markus! Den Spaß habe ich in jedem Fall bei dieser Mission – auch wenn das Thema eigentlich zu ernst ist 😉

  6. Bernhard 31. März 2016 um 0:34 Uhr - Antworten

    Lieber Markus,

    sehr gut! So ein Traktor macht was her!
    Smart Farming ist ja schwer im kommen.

    Allerdings, Du kennst mich evtl., irgendwas ist immer. Etwas ließ mich nicht ruhen., Da lief bei mir nun die Mass voll da das schon wieder kam: Der 50-Mio-Vergleich passt gar nicht. Warum? lies hier:
    http://www.kux.de/2016/03/31/digitalgeschwindigkeit-der-50-mio-unsinn/
    Das mag emotional stimmig sein, ist aber faktisch nicht richtig.

    Das Moorsche Gesetz passt da viel besser…

    Anyway: The first step is always the hardest.
    Oder?

    Servus
    Bernhard

    • Markus Sauerhammer 1. April 2016 um 20:03 Uhr - Antworten

      Hi Bernhard, dickes Danke für Deinen Beitrag! Ich gebe Dir Recht, dass es eine Vielzahl anderer Möglichkeiten gibt die Zunahme der Innovationsgeschwindigkeit aufzuzeigen und mit der 50 Millionen Nutzer Nummer habe ich mit Sicherheit nicht die wissenschaftlich fundierteste Variante gewählt (auch wenn ich Statista nachsage seine Daten gründlich zu recherchieren ;)). Darum ging es mir aber auch nicht. Ich möchte bildlich aufzeigen, dass die Geschwindigkeit zunimmt. Durch das Internet ist das Wissen der Welt nur wenige Klicks entfernt. Mit der Nutzung von Big Data werden die Informationen sogar in Echtzeit zur Verfügung stehen und durch Smart XYZ werden zukünftig entsprechende Funktionen/Innovationen direkt in die Wege geleitet. Die Geschwindigkeit wird also nochmal zunehmen.
      Während sich andere Länder darauf einstellen und Vollgas im Rennen um die Zukunft geben “schleichen” wir bei dem Thema vor uns hin. Das möchte ich ändern. Zumindest ein kleines bisschen. Ich möchte auch Menschen außerhalb der IT/Innovations/Startup-Bubble für diese Themen sensiblisieren.
      Ich freue mich natürlich weiter über kritische Anmerkungen. Ich bin der Meinung, dass wir nur durch eine breite Diskussion viele Menschen auf einen zukunfts- und handlungsorientierten Weg mitnehmen können.

  7. Holger Priske 31. März 2016 um 10:25 Uhr - Antworten

    Guter Artikel. Nur gerade in der Landwirtschaft gibt es auch eine kleine “Rückwärtsbewegung”. Diese Zahlen unterstützen voll die industrielle Landwirtschaft. Gegen Automatisierung und Mechanisierung hat auch niemand etwas, aber ein paar intensivierungen per Chemie oder Haltungsbedingungen von Tieren, sollten evtl. zurückgenommen werden. Insofern wird die Digitalisierung eventuell “nur” dafür sorgen mit weniger Chemie auszukommen, weniger kranke Tiere zu haben, und ähnliches. Es wird nur bedingt die Quantität erhöhen, sondern die Qualität.
    Und da ist Deutschland eventuell “Vorreiter” oder “Triebkraft”, aber eher auf Seiten der Nachfrager. Die Landwirte sind die getriebenen.

    Beim Risikomanagement hast Du total recht. Da liegt der Deutschen Mentalität viel zu stark auf Risikovermeidung und nicht darauf, zu lernen mit Risiken umzugehen, sie sinnvoll abzuschätzen und damit zu leben. Was gerade bei den wetterabhängigen Landwirten verwundert. Vor 200 Jahren kam man mit einem Jahr Ernteausfall leichter klar, weil man gar keine Wahl hatte, als es zu ertragen.
    Wenn heute ein Ernteausfall droht, würde der Bauer gleich auf die Aussaat verzichten, scheint mir.

    • Markus Sauerhammer 10. April 2016 um 12:42 Uhr - Antworten

      Hallo Holger, danke für Dein ausführliches Kommentar. Du hast natürlich vollkommen Recht, dass Fortschritt nicht per se gut ist. Wir müssen uns genau überlegen, in welche Richtung wir den Fortschritt lenken wollen. Das Gute ist ja, dass wir als Bürger und Konsumenten darauf einen großen Einfluss haben und deshalb den Status quo gemeinsam verändern können.
      Ich werde in weiteren Beiträgen noch einmal auf die Punkte eingehen, warum es zwischen den von Dir angesprochenen Punkten für die Landwirtschaft auch große Parallelen zur aktuellen technologischen Entwicklung gibt. Aber schön eines nach dem anderen 😉
      An der Stelle vielleicht noch einmal der Hinweis, dass ich in meinem Blog nicht über Digitalisierung in der Landwirtschaft schreiben möchte, sondern die Parallelen zwischen dem landwirtschaftlichen Strukturwandel und dem (bevorstehenden) Wandel in Gesellschaft und Wirtschaft durch die Digitalisierung eingehen möchte. Ich glaube wir können hier viel lernen, da sich die Branche durch durch den technologischen Wandel und veränderte Verbrauchergewohnheiten laufend neu erfinden musste.

  8. Jochem 8. April 2016 um 11:04 Uhr - Antworten

    Schau mal … Bin ich gerade drüber gestolpert … Die Bitkom zur Landwirtschft … https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Landwirtschaft-profitiert-vom-Breitbandausbau.html

    • Markus Sauerhammer 10. April 2016 um 12:50 Uhr - Antworten

      Danke für den Link! Ein gutes Beispiel dafür, dass der Wandel in der Landwirtschaft nicht aufhören wird. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir durch die Digitalisierung und das Internet in ein Zeitalter des permanenten Wandels eingetreten sind. In dem Zusammenhang liebe ich das chinesische Sprichwort: “Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Schutzmauern, die anderen bauen Windmühlen.” Aktuell konzentrieren wir uns leider viel zu sehr auf den Bau von Schutzmauern 🙁

  9. […] letzten Beitrag habe ich den landwirtschaftlichen Strukturwandel thematisiert. Ein Wandel, der durch die […]

  10. […] gibt ein Thema, dass mein Leben intensiv begleitet hat: Wandel! Ich habe es mir nicht ausgesucht. Bin irgendwie reingestolpert. Erst persönlich. Dann beruflich. […]

  11. Michael Reber 9. Januar 2017 um 9:05 Uhr - Antworten

    Respekt! Toller Blog. Da bin ich noch ausbaufähig. Deine Beiträge treffen meine Denke voll ins Schwarze. Leider habe ich für mich noch nicht den Weg gefunden, mit der Digitalisierung auch “Cash” zu machen. Da machen einem die Alltagsmühlen oft einen Strich durch die Rechnung, zu wenig Freiräume für kreative Gedanken.
    Danke für die ehrlichen Worte. Viele angehende Landwirte rechnen sich in meinen Augen ihren Start schön.

  12. […] dem landwirtschaftlichen Strukturwandel und den aktuellen Veränderungen durch die Digitalisierung. Dazu habe ich geschrieben. Diese Erfahrungen sind mein innerer Antrieb. Ich habe gelernt, dass man den Wandel nicht aufhalten […]

  13. […] eingetreten sind. Ein Zeitalter des permanenten Wandels. Zur bisherigen Rolle Deutschlands habe ich HIER geschrieben. Bislang sind wir weit von der Rolle eines Zukunftsgestalters entfernt. Dies wird sich […]

  14. […] die Politik die Herausforderungen unserer Gründer*innen ernst nehmen, sollte sie gerade in einem Zeitalter des permanenten Wandels alles daran setzen, diesen Zukunftsgestalter*innen gute Rahmenbedingungen für die Realisierung […]

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