Traktorengemeinschaft als kapitalistischer Kommunismus

Mein Auto. Mein Haus. Mein Boot. Ein Werbespot der Sparkassen aus den 90ern. Es geht um Besitzen. Um Statussymbole. Was hat das mit der Digitalisierung zu tun? Wo sind die Parallelen zum landwirtschaftlichen Strukturwandel?

In meinem heutigen Beitrag geht es um Traktoren. Den Stammtisch. Besitzen und Teilen. Kommunismus und Kapitalismus. Den digitalen Wandel. Es geht um die Chancen im #neuland. Um die Erfahrungen meiner ganz persönliche Reise.

Im letzten Beitrag habe ich den landwirtschaftlichen Strukturwandel thematisiert. Ein Wandel, der durch die Digitalisierung in seiner Art vielen anderen Branchen unmittelbar bevorsteht. Ein solcher Prozess ist für die Betroffenen nie leicht. Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Diese Regel gilt für die Landwirtschaft, aber auch für andere Branchen. Man will Weiterentwicklung und Veränderung, sich aber nicht selbst verändern. Ein Paradoxon. Es wird versucht den Wandel zu bremsen. Den Status quo beizubehalten. Das hat in der Geschichte der Menschheit nie funktioniert. Gewonnen haben auf lange Sicht immer Akteure, die die Chancen des Wandels genutzt haben. In der Landwirtschaft, aber auch darüber hinaus.

Traktorengemeinschaft als Modell des kommunistischen Kapitalismus from Markus Sauerhammer on Vimeo.

Strüth – ein Dorf von Kommunisten? 

1996 hat sich in unserem Dorf etwas verändert. Sieben Landwirte haben sich am Stammtisch getroffen. Sie haben über den Wandel diskutiert. Über Erträge, Kosten und Gewinne. Wie kann man reagieren, wenn der Wettbewerbsdruck steigt und die Preise der erzeugten Güter sinken? Der allgemeine Tenor in der Landwirtschaft lautet wachsen oder weichen.

In Strüth ist man einen anderen Weg gegangen. Diese sieben Landwirte haben Ihre Traktoren verkauft. Haben gemeinschaftlich drei Traktoren gekauft. Der Traktor gehörte nicht mehr einem alleine, sondern allen zusammen. Auch die dazugehörigen Maschinen. Das war anders. Radikal anders. Gerade in konservativen Kreisen stößt so etwas im ersten Schritt oft auf Unverständnis.

In der Berufsschule wurde ich immer wieder gefragt, ob wir uns keinen eigenen Traktor leisten können? Damals hatte ich die richtige Antwort nicht parat. Ich habe es ja selbst nicht verstanden. Am „Tag des offenen Dorfes“ ist man noch weiter gegangen: Jemand hat ein Schild mit dem Schriftzug „LPG Strüth“ an unser Ortsschild gehängt. Das war die landwirtschaftliche Betriebsform der DDR. Waren wir ein Dorf von Kommunisten?

Mit einem entsprechend mulmigen Gefühl bin ich meine Fortbildung zum Agrarbetriebswirt angetreten. Hier ging es ja schließlich um die volle BWL-Dröhnung: Deckungsbeiträge. Vollkosten. Grenzkosten. Der eigene Betrieb wird analysiert. Optimiert. Zukunftsszenerien werden kalkuliert. Auf den ersten Blick eine kapitalistische Kaderschmiede für Landwirte.

Und dann kam alles anders als gedacht. Die Kritiker sind verstummt. Auf einmal war unser System der Schlepper- und Maschinengemeinschaft nicht nur akzeptiert, sondern ein Vorzeigeprojekt. Durch die gemeinsame Nutzung der Maschinen haben wir uns die Kosten geteilt. Als Landwirt hat man kaum Einfluss auf die Erlöse seiner Produkte. Jedoch kann man seine Kosten reduzieren. Dadurch bleibt dann unter dem Strich mehr übrig. Eigentlich logisch – man muss es sich nur einmal durch den Kopf gehen lassen.

Mehr Teilen durch die digitale Vernetzung

Mein Auto. Mein Haus. Mein Boot. Früher musste ich diese Dinge besitzen um sie zu nutzen. Oder über gewerbliche Anbieter mieten. Heute geht das über Onlineplattformen von Mensch zu Mensch. Mit Uber (in seiner ursprünglichen Form in Deutschland verboten), Drivy und Bla Bla Car teile ich das Auto. Mit Couchsurfing und Airbnb die Wohnung. Mit Yachtico das Boot. Inzwischen kann man fast alles über Plattformen im Netz teilen.

Mitfahrgelegenheit analog

Bereits vor dem World Wide Web wurde geteilt. Analoge „Mitfahrzentrale“ an der Uni Göttingen.

Das Phänomen ist nicht neu. Geteilt wurde schon immer. Aber es hat sich eine Kleinigkeit verändert. Die Schlepper- und Maschinengemeinschaft in Strüth wurde 1996 gegründet. Google 1998. Facebook 2004. Twitter 2006. Bei der Gründung der Schlepper- und Maschinengemeinschaft war der Stammtisch das Dialogmedium. Heute ist es das World Wide Web mit den sozialen Medien. Fast jeder hat es in seiner Hosentasche. Am virtuellen Stammtisch sind wir nicht länger an Grenzen gebunden. Angebot und Nachfrage werden in der digitalen Welt transparent. Die Transaktionskosten zwischen Besitzer und Nutzer sinken permanent. Vieles können wir inzwischen teilen und nutzen wann immer wir wollen. Mit Menschen auf der ganzen Welt oder in unserer direkten Umgebung. Die Vorteile für den Nutzer sind die gleichen wie bei der Schlepper- und Maschinengemeinschaft. Alleine deshalb wird es sich durchsetzen.

Wir können in ein Pippi-Langstrumpf-Zeitalter eintreten

Warum tun wir uns eigentlich so schwer das Gute im Wandel zu sehen? Letzte Woche habe ich einem Vortrag (ab Minute 5) von Dirk von Gehlen, dem Treiber des digitalen Wandels bei der SZ, gelauscht. Er hat auf ein Interview von 1999 mit Douglas Adams in der Sunday Times verwiesen, dass unser aktuelles Verhältnis zum digitalen Wandel gut erklärt:

  • alles, was schon in der Welt ist, wenn wir geboren werden betrachten wir als normal
  • alles, was zwischen diesem Zeitpunkt und unserem 30. Geburtstag erfunden wird, finden wir unglaublich spannend und kreativ. Mit etwas Glück können wir es für unsere eigene Karriere nutzen.
  • alles, was erfunden wird, nachdem wir dreißig sind, empfinden wir als einen Angriff gegen die natürliche Ordnung der Dinge und als Anfang vom Ende der Zivilisation, wie wir sie kennen und lieben

„Ich mach‘ mir die Welt – widdewidde wie sie mir gefällt.“ Natürlich ist es überzogen zu glauben, dass sich in unserer Welt durch den Fortschritt und die Digitalisierung von heute auf morgen alles zum Guten ändert. Aber sie bietet uns viele Chancen. Chancen für mehr Nachhaltigkeit und Wohlstand. Chancen auf gute Arbeitsplätze in der Zukunft. Chancen die Werte unserer Gesellschaft in die digitale Welt zu tragen. Wir müssen endlich aufhören nur über den Tellerrand zu schauen, sondern beherzt über diesen springen. Es gibt keinen Masterplan für das #neuland. Hier gilt es zu experimentieren und eigene Erfahrungen zu sammeln. Nur so können wir die Zukunft gestalten.

Written by Markus Sauerhammer