Im letzten Beitrag bin ich auf die Mehrwerte von Crowdfunding für die Realisierung von Gründungsvorhaben und neuen Ideen generell eingegangen. Besonderes Potenzial schlummert in der Verzahnung mit etablierten Finanzierungs- und Förderinstrumenten. Dies hat auch die Politik erkannt und im Koalitionsvertrag von 2013 einen entsprechenden Passus eingefügt. Damals habe ich jubiliert. Die Politik öffentlich gefeiert…

In diesem Beitrag geht es um die Potenziale von Cofunding. In dem Kontext um Bewahrer eines analogen Mittelalters und echte Zukunftsgestalter. Aufgeteilt habe ich das Thema Crowdfunding insgesamt in drei Beiträge:

  1. Crowdfunding: Potenziale der Digitalisierung für die Gründungsförderung
  2. Cofunding: Stärken etablierter Förderinstrumente mit Crowdfunding kombinieren [DIESER BEITRAG]
  3. Crowdinvesting: Politische Versäumnisse & brachliegende Potenziale

Die Basis: Warum ich dazu schreibe?

Mein Leben prägt die Veränderung. Erst wurde ich davon überrumpelt. War kein Freund von ihr. Dann bin ich die Welt der Gestalter dieser Veränderung eingetaucht. Habe nicht nur gelernt, dass sie sich nicht aufhalten lässt, sondern auch die enormen Potenziale erkannt. Mit der Digitalisierung sind wir in ein Zeitalter des permanenten Wandels eingetreten. Eine Epoche in der Innovation und Veränderung zum Dauerzustand wird. Schlüsselkompetenz einer enkeltauglichen Zukunftsgestaltung.

2015 bin ich nach Berlin gezogen. Das Jahr, seit dem ein Negativrekord der Gründungszahlen den nächsten jagt. Bislang wurde das Vorhaben aus dem Koalitionsvertrag nicht umgesetzt. Durch meine Arbeit in der Gründerszene habe ich eines gelernt: Veränderung wird von Menschen gemacht. Also habe ich mich auf den Weg begeben. Habe nach den Gestaltern in der Politik gesucht. Mich mit etlichen Bundestagsabgeordneten getroffen. Entscheidungsträgern aus Ministerien. Vertreter der klassischen Ideenfinanzierung. Eine Abenteuerreise!

Gute Gespräche und die Bewahrung vom Status quo.

All die Erlebnisse würden Stoff für ein Buch geben. Ich versuche mich kurz zu halten. Wichtige Spotlights herauszuheben. Trotzdem ist dieser Beitrag länger geworden. Ich sehe die Zusammenhänge als wichtig an. In meinen Augen ein Beleg für’s „Innovator’s Dilemma“ in Politik und Verwaltung. Gleichzeitig zeige ich Beispiele auf, wie es anders geht. Macher*innen aus öffentlichen Institutionen und Politik, die echte Zukunftsgestaltung ermöglichen. Zeitgemäße Lösungen auf die Straße setzen.

Die Bundestagsabgeordneten

Als naiver Hobby-Lobbyist bin ich einfach losmarschiert. Das Vorhaben stand ja im Koalitionsvertrag. Bundestagsabgeordnete sind unsere gewählten Vertreter. Menschen, die Zukunft unseres Landes brennen. Es zu ihrem Beruf gemacht haben. Ich habe vor allem auf Veranstaltungen im Gründungs- und Digitalisierungsumfeld das persönliche Gespräch gesucht. Gerade diese Akteure unter unseren Abgeordneten sollten sich ja mit dem aktuellen Wandel auskennen. Die Dringlichkeit erkennen. So meine Annahme. Ich hatte immer gute Gespräche. Eine ganze Reihe hat mich im Anschluss zum persönlichen Gespräch eingeladen. Teilweise Anfragen an zuständige Mitarbeiter in den Ministerien geschickt oder das Thema in internen Runden platziert. Ich war geschmeichelt. Wirklich verändert hat sich dadurch aber nichts. Ich musste lernen, dass unseren politischen Vertretern viel abverlangt wird. Gerade in Umbruchzeiten wie heute. Tauschen möchte ich gerade nicht mit ihnen. Aber die Flinte ins Korn werfen? Pustekuchen! Dank ihnen hatte ich Zugang zu den Ministerien. Ich mache weiter.

Das Wirtschaftsministerium

Dank den Bundestagsabgeordneten hat sich die Türe ins Wirtschaftsministerium geöffnet. Ich habe mich mit Mitarbeitern getroffen. Versucht die Mehrwerte des Instruments aufzuzeigen. Mit Argumenten zu überzeugen. Irgendwann ging eine offizielle Anfrage an den verantwortlichen Ansprechpartner. Ich habe innerlich gejubelt. Der Punkt ist Teil des Koalitionsvertrags. Es sind die Finanzierungs- und Gründungsexperten. Sie müssen den Nutzen erkennen. Dachte ich. Die Highlights der ersten Antwort:

„Mit der Frage, in welchem Umfang eine erfolgreiche Einwerbung von Crowd-Finanzierungen und Markterfolge bei Crowd-Anlegern (alleiniger) Maßstab für eine öffentliche Förderung sein können, hat sich die zuständige Abteilung schon verschiedentlich befasst“

Super! Man hat sich mit dem Thema befasst. Es wurde erkannt, dass es sich bei Crowdfunding um Markterfolge handelt. Also Umsatz aus dem der Gewinn resultiert. Der Erfolgsfaktor und Lebensader eines jeden Unternehmens. Die Herausforderung, an der die meisten Gründer*innen scheitern.

„Kurz gefasst ist Ergebnis der bisherigen Meinungsbildung, dass für professionell geprüfte Vorhaben, die z.B. durch den High-Tech-Gründerfonds oder private Lead-Investoren für gut befunden wurden, gerne Crowd-Finanzierungen als Co-Finanzierungen genutzt werden können.“

Ich stutze. Zu dieser Zeit gibt es kein einziges offizielles Programm, wo ein erfolgreiches Crowdfunding in irgendeiner Weise offiziell belohnt oder eingebunden wird. Das man Gründer*innen erlaubt auch über die eigenen Instrumente hinaus Geld einzusammeln ist ja eher eine Selbstverständlichkeit. Keine Neuigkeit!

Auf der anderen Seite wird es als haushaltsrechtlich kaum bis nicht möglich und beihilferechtlich problematisch angesehen, wenn die Investitionsentscheidungen von Crowd-Unterstützern zum alleinigen Maßstab für eine Förderung gemacht würde.

Ok. Jetzt rappelt es in meiner Denkzentrale. Trotz der deutlichen Anfrage zu reward-based Crowdfunding hat der verantwortliche Ansprechpartner offensichtlich Crowdinvesting im Kopf. Das ist ein völlig anderes Finanzierungsinstrument. Würden wir darüber reden, teile ich seine Meinung. Themaverfehlung!

Aber sicher gibt es Mischformen, bei denen eine Zuschuss- und Darlehensentscheidung nicht allein auf Grundlage der Investitionsentscheidung von Crowd-Unterstützern getroffen wird, sondern parallel das Vorhaben einen weitgehend üblichen Bewilligungsprozess durchläuft. Diese parallele Prüfung wird beim dänischen Vorbildprogramm offenbar durch den dortigen Market Development Fund übernommen, denn in der Programmbeschreibung steht ausdrücklich, dass diese Fonds die aussichtsreichsten Projekte auswählt (!). Außerdem ist eine Zertifizierung durch die dänische Crowd-Funding-Association vorgesehen.

Wieder Investition? Ich hatte das einseitige Kurzkonzept zum dänischen Market Development Fund mitgeschickt! Auch hier wird explizit und Ausschließlich auf reward-based Crowdfunding eingegangen. Zudem soll die Crowd ja keine „alleinige“ Entscheidungsgrundlage sein, sondern nur entsprechend der verbundenen Mehrwerte belohnt werden. Ich fühle mich mißverstanden.

„In Deutschland gibt es eine große Zahl nutzbarer Förderprogramme für solche Vorhaben, wie z.B. den HTGF oder das ERP-Kapital für Gründung oder den Mikromezzaninfonds oder die Bürgschaften und Beteiligungen der Bürgschaftsbanken und Mittelständischen Beteiligungsgesellschaften. Die Einengung der Crowd-Finanzierungen auf ein Förderprogramm wäre kontraproduktiv, zumal ein Automatismus bei der Förderentscheidung nicht möglich sein wird.“

Ok. Nach diesem Abschnitt koche ich innerlich. Ich habe in dem Umfeld gearbeitet. Zu allen genannten Programmen beraten. Nicht 5 oder 10 Gründer*innen, sondern innerhalb von 5 Jahren weit über 1.000. Ich kenne die Vor- und Nachteile sowie Potenziale dieses neuen Finanzierungsinstruments aus der Praxis. Es geht nicht um eine Einengung, sondern eine längst überfällige Gleichstellung mit den analogen Programmen. Aktuell werden ausschließlich diese über unsere Steuergelder subventioniert. Dadurch werden den Gründern*innen eben nur für diese Anreize gegeben. Auch die Beratungsakteure fokussieren sich in erster Linie auf Programme der öffentlichen Hand. So wird alles gemacht, nur keine Zukunft!

Am 16. Dezember 2015 schreibe eine höfliche Antwort. Bitte um einen Gesprächstermin. Auf die Antwort warte ich. Bis heute!

Gut. Der verantwortliche Ansprechpartner aus dem Wirtschaftsministerium möchte lieber weiter machen wie bisher. Weiter zum nächsten Akteur.

Das Finanzministerium

Auch hier hat mir einer der Bundestagsabgeordneten die Türe aufgestoßen und eine Anfrage bei dem verantwortlichen Mitarbeiter platziert. Erneut keimt Hoffnung auf. Ich fiebere der Antwort entgegen. Hier die wichtigsten Punkte:

„Sie haben ferner nach der Entwicklung von reward-based Crowdfunding in Deutschland und diesbezüglichem weiteren Handlungsbedarf gefragt. Reward-based Crowdfunding meint das Sammeln von Geld für Projekte oder Unternehmen, von denen man im Gegenzug zum Beispiel einen Prototypen oder eine andere (im)materielle bzw. digitale Leistung als Dankeschön erhält; eine finanzielle Vergütung erfolgt nicht. Es unterhält keiner Regulierung.“

Korrekt. Hier wurde ich richtig verstanden. Super!

Nach Angaben des germancorwdfunding.net bewegt sich das Volumen des reward-based Crowdfunding für das 1. Quartal 2015 um EUR 3,6 Mio.  gegenüber rund EUR 2,5 Mio. im 1. Quartal 2014. Damit liegt es deutlich unter den Volumina für Crowdlending und Crowdinvesting und ist von geringer Relevanz. 

Ok. Ich schlucke. Die Zahlen sind korrekt. Wie soll es auch anders sein, wenn man im Zeitalter der digitalen Netzerkökonomie ein Fördermonopol auf die Subventionierung analoger Finanzierungsinstrumente aufrecht erhält? Bleibt der Blick der verantwortlichen Ansprechpartner selbst im Zeitalter des WWW am eigenen Tellerrand kleben?

Eine Studie der University of Pennsylvania hat ermittelt, dass alleine bei Kickstarter, der größten reward-based Crowdfunding-Plattform in den USA, von der Gründung in 2009 bis 2015 eine Wertschöpfung von über 5,3 Milliarden Dollar generiert wurde. Dadurch sind 8.800 Unternehmen mit mehr als 300.000 Jobs entstanden! Klar. Das ist „von geringer Relevanz“.

Bezüglich der Einschätzung gegenüber Crowdinvesting und -lending hat er Recht. Beides ist eine Digitalisierung der analogen Prozesse. Hier fällt uns generell ein Transferdenken leichter. Aber selbst wenn man alle Crowdfunding-Arten zusammennimmt sind wir in Deutschland weit von der Rolle eines Gestalters entfernt:


Quelle: 3rd European Alternative Finance Industry Report (01/2018)

Ich könnte endlos weiter machen… 

Jetzt könnte ich Euch viele weitere Geschichten erzählen. Von den Workshops im Umweltministerium. Einem mit der KfW. Den Antworten auf mein Versenden eines Positionspapiers zu Crowdfunding an unsere Bundestagsabgeordneten im Vorfeld der Wahl. Davon als ich Sigmar Gabriel bei einer Veranstaltung der BITKOM aufgelauert habe, um ihm dieses Papier zuzustecken. Oder es an Peter Altmaier beim Launchevent von Kiron Ventures übergeben wollte. Mich dabei vor versammelter Social Entrepreneurship-Community seine Securities zurückgehalten haben. Letztendlich durfte ich ihm das Papier doch noch überreichen. Was all diese Termine bewirkt haben? NICHTS. Eines ist klar. Wenn man nur über Digitalisierung spricht, verändert sich rein gar nichts. Hier muss man handeln!

Ja. Der erste Teil dieses Beitrags liest sich frustrierend. Ich arbeite seit vielen Jahren als Brückenbauer zwischen #neuland-Gestaltern und traditionellen Akteuren. Zuerst bei der IHK, dann Startnext und inzwischen beim Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland.  Mit der Zeit lernt man in diesem Umfeld, wie schwer uns allen wirkliche Veränderung fällt. Ich habe während dieser Zeit aber auch viele engagierte Mitarbeiter aus besagten Institutionen kennengelernt. Menschen, die den digitalen Wandel verstanden haben und gestalten wollen. Leider sitzen diese meist nicht in den Entscheiderpositionen. Werden viel zu oft ausgebremst. Will die Koalition ihren Vorsatz „Eine neue Dynamik für Deutschland“ wirklich in die Tat umsetzen, sollte sie diesen dringend mehr Gestaltungsspielraum einräumen. Was sich daraus entwickeln könnte lest ihr im zweiten Teil dieses Beitrags.

ECHTE Zukunftsgestalter in Politik und öffentlichen Institutionen!

Es geht anders: Im August 2016 hatte ich den ersten Termin mit dem Wirtschaftsministerium in Baden-Württemberg und der dortigen Landesförderbank. Direkt im Termin wurde klar, dass hier Leute am Tisch sitzen, die dieses Internet verstanden haben. Sie wollten nicht nur Crowdfunding mit eigenen Finanzierungsinstrumenten verknüpfen, sondern haben sich auch auf einen iterativen Implementierungsprozess eingelassen. Darauf ein gemeinsames Innovationsprojekt aufzusetzen. Bereits in der ersten Jahreshälfte 2017 ging die MikroCrowd der L-Bank als MVP (Minimum Viable Product) an den Start.

Erklärfilm MikroCrowd

Wichtig ist es für den Aufbau echter Innovationen eben nicht nur die richtigen Mitarbeiter im Haus zu haben, sondern auch gestaltungswillige Macher*innen in Entscheiderpositionen. Menschen, die nicht nur über Digitalisierung sprechen, sondern handeln:

„Die Vorteile einer Crowdfinanzierung, insbesondere der damit verbundene Markttest und der Werbeeffekt über die Verbreitung in den sozialen Medien werden verbunden mit der Verlässlichkeit und der Flexibilität eines Direktkredits durch die L-Bank.“
Dr. Axel Nawrath, Vorsitzender des Vorstands der L-Bank

Kürzlich hat sich eine Reihe weiterer Förderbanken – teilweise mit einem höheren Cofunding – den Zukunftsgestaltern angeschlossen. Ähnliche Angebote gibt es inzwischen von der Investitionsbank Berlin, MBG Baden-Württemberg, MBG Niedersachsen und BTG Hamburg.

Die bisherigen Programme liegen weit unter dem Cofunding des dänischen Programms mit einer Anschlussfinanzierung von bis zu 200.000 Euro. Dort sogar als Zuschuss! Aber es sind erste Schritte. Gerade wenn es darum geht Zukunft zu gestalten, sind genau diese Pioniere wichtig! Es sind die Helden der #neuland-Gestaltung!

Echte Partizipation: Lösungen gemeinsam mit den Bürgern angehen

Die oben genannten Bundesländer kombinieren die Stärken von Gründerdarlehen mit denen vom Crowdfunding. Ein weiterer Ansatz ist ist es über einen Crowdfunding-Contest direkt Lösungen für die Region anzuschieben. In der Kombination mit einem begleitenden Coaching-Programm wird das Instrument zur Ideenrealisierungsmaschine. Ein Vorzeigebeispiel ist hier die FlämingSchmiede, die neben vielen anderen Partnern maßgeblich vom Wirtschaftsministerium in Brandenburg mit angeschoben wurde. Der Tourismusverband Fläming nutzt Crowdfunding um kreative touristische Produktentwicklung in der Reiseregion Fläming gemeinsam mit lokalen Akteuren unter Einbindung der Bürger und Gäste voranzutreiben.

Zusammenfassung der FlämingSchmiede

Auch andere Bundesländer sind dabei das Instrument intensiver in die eigene Förderpolitik einzubinden. Hier ist das Projekt Ideenwald hervorzuheben, bei dem Rheinland-Pfalz und Saarland eine länderübergreifende Allianz gebildet haben, um regionalen Gründer*innen an das Instrument heranzuführen und bestmöglich auf das eigene Crowdfunding vorzubereiten.

„Der Ideenwald schließt eine Lücke in Rheinland-Pfalz. Die Crowdfunding-Plattform ist eine niederschwellige Möglichkeit für Gründer, Kapital zu generieren. Jeder Bürger kann sich nun an der Anschubfinanzierung für ein rheinland-pfälzisches Unternehmen beteiligen.“
Dr. Volker Wissing, Wirtschaftsminister Rheinland-Pfalz

Kommunen als Gestalter partizipativer Ideenrealisierung.

Die bislang genannten Positiv-Beispiele sind alle erst 2017 an den Start gegangen. Auf kommunaler Ebene gibt es schon länger Pioniere, die an einer Entfaltung des Potenzials arbeiten. Besonders spannend finde ich hier Nordstarter. Die Hamburger Kreativ-Gesellschaft treibt das Thema dort bereits seit mehr als fünf Jahren voran. Mit viel Erfolg!

5 Jahre Nordstarter: mehr als 200 Projekte und 2 Millionen Euro

Ähnliche Konzepte haben z.B. auch Kassel, Dresden, Bremen, Lüneburg oder München umgesetzt. In München geht die Wirtschaftsförderung sogar einen Schritt weiter. Sowohl von Landes- als auch Bundesebene gibt es gefördertes Gründercoaching. Bislang wird über diese Programme eine Erstellung von Videos oder Fotos, die für eine Crowdfunding-Kampagne nötig sind, nicht unterstützt. Auch hier stecken wir noch in einer einseitige Förderpolitik der analogen Prozesse.

Die Wirtschaftsförderung in München geht auch dabei neue Wege. Als erste deutsche Stadt haben sie ein eigenes Förderprogramm für die Vorbereitung einer Crowdfunding-Kampagne aufgesetzt. Hier erhalten Gründer*innen einen Zuschuss von bis zu 3.000 Euro für kreative Dienstleistungen, die für die Umsetzung einer Crowdfunding-Kampagne nötig sind. Diese Förderung wiederum ist gekoppelt an Aufträge für die lokale Kultur- und Kreativwirtschaft. Ein toller Schachzug der Verantwortlichen:

„Wir unterstützen mit dem neuen Programm ein innovatives Finanzierungs- und Marketing-Instrument, das für Gründer immer wichtiger wird. Das neue Förderprogramm soll auch zu einer besseren Vernetzung zwischen Gründer- und Kreativszene beitragen.“
Bürgermeister Josef Schmid, Leiter des Referats für Arbeit und Wirtschaft

Crowdfunding ist eben viel mehr als nur Finanzierung. Es ist ein Instrument, dass Bürger befähigt gemeinsam das eigene Umfeld mitzugestalten. Ideen auf die Straße zu setzen, die bei den Bürgern ankommen. Auch hier könnte ich viele Pioniere feiern! Ganz besonders begeistert mich z.B. Bremen: hier wurde die Initiative „Ideen für Bremen“ von einem klassischen Ideenwettbewerb zum Crowdfunding-Contest weiterentwickelt. Blickt man über die Deutschen Grenzen hinaus, sind uns auch hier andere Länder weit voraus. So unterstützt z.B. die Stadt London erfolgreiche Crowdfunding-Kampagnen mit zusätzlich bis zu 50.000 Pfund.

Civic Crowdfunding der Stadt London

Die neue alte Koalition. Was sind die Pläne?

Der tolle Ansatz aus dem Koalitionsvertrag von 2013 wurde nicht umgesetzt. In meinen Augen klare Zukunftsverweigerung. Aber vielleicht gibt es ja eine Einsicht. Schlagen wir im aktuellen Koalitionsvertrag nach. Ich suche im Kapitel zur Gründungsförderung. NICHTS. Ich schaue noch einmal. Tatsächlich. Man hat vier Jahre verschlafen. Man möchte anscheinend weiter in der Rolle eines Entwicklungslandes bei diesem wichtigen Thema verharren. Möchte offensichtlich am Fördermonopol analoger Finanzierungsinstrumente festhalten. Ich bin enttäuscht!

Dann doch! Crowdfunding taucht auf: „Wir werden prüfen, wie ein „Zivilgesellschaftliches Digitalisierungsprogramm“ für ehrenamtliches Engagement ausgestaltet und auf den Weg gebracht werden könnte. Dabei werden wir auch prüfen, wie die Finanzierung von zivil- und ehrenamtlichen Initiativen mit gemeinnützigen Zwecken über in Deutschland ansässige Spenden- oder Crowdfunding-Plattformen gefördert werden kann.“

Auf den ersten Blick freue ich mich. Gerade bei der Lösung unserer gesellschaftlichen Herausforderungen hält der Stillstand schon länger an, als bei vielen anderen Zukunftsthemen. Die Studie „The best country to be a Social Entrepreneur“ belegt dieses Defizit. Unter den 45 wirtschaftlich stärksten Nationen landet Deutschland bei dem Punkt „Government policy supports Social Entrepreneurs“ lediglich auf Rang 34 – zwischen Griechenland und Mexiko. Insgesamt landen wir auf Rang 12. Nichts könnte die Diskrepanz zwischen der aktuellen Politik und unseren gewachsenen Werten besser verdeutlichen. Ganz klar: hier besteht dringender Handlungsbedarf!

Dann die vielen ABER:

  • „Prüfen“ bedeutet im Koalitionsvertrag meist eine untergeordnete Priorität. Kein „wollen“. Erst recht kein „werden“.
  • Nur für das Ehrenamt? Bei all den aktuellen und vor uns liegenden Herausforderungen brauchen wir entscheiden mehr als eine ausschließliche Fokussierung auf ein „neben dem Job“-Engagement
  • Fokus ausschließlich auf „gemeinnützige Zwecke“? Kürzlich hat eine Studie der Otto-Brenner-Stifung deutlich aufgezeigt, dass die Vergabe der Gemeinnützigkeit in Deutschland einer Lotterie gleicht. Gerade innovative Lösungen haben es besonders schwer. Bis das Gemeinnützigkeitsrecht reformiert wurde (hat die zuständige SPD-Bundestagsfraktion beschlossen), sollte dieses Vorhaben dringend auf „gemeinwohlorientiert“ erweitert werden!

Bei der Umsetzung muss man nicht alles neu erfinden. Tolle Pionier-Projekte sind hier z.B. die Initiative #EDUplus von Social Impact oder der Deutsche Integrationspreis der Hertie Stiftung. Dieses Prinzip kann man auf die Lösung vieler weiterer gesellschaftlicher Herausforderungen übertragen.

Prinzip vom Deutschen Integrationspreis

„Können wir damit öffentliche Infrastruktur finanzieren?“

Nach einem der Workshops mit einer öffentlichen Institution rief eine der Teilnehmerinnen an und hat mich gefragt, ob man mit Crowdfunding öffentliche Infrastruktur finanzieren kann? Ganz klar: Wohin sich das Thema entwickelt wissen wir heute noch nicht. Aber es schlummert enormes Potenzial in Crowdfunding. Es geht nicht nur darum Geld zu generieren, sondern um eine Einbindung der betroffenen Menschen. Eine Fokussierung auf den Nutzen der jeweiligen Zielgruppe. In den USA nutzen diese Mehrwerte inzwischen auch die großen Unternehmen.

Indiegogo Enterprise Crowdfunding 

Die oben beschriebene Argumentation der Ministerien bezieht sich auf eine Beurteilung vom Status quo. Vor allem nur bei uns in Deutschland. Bei der Beurteilung von Innovations- und Zukunftsthemen kann man keinen größeren Fehler machen. Es geht darum solchen Themen Raum für Entwicklung zu geben. Diese Fehleinschätzung ist nicht neu! Selbst Gottlieb Daimler gab während den Anfangszeiten des Automobils  von sich, dass die weltweite Nachfrage nach Kraftfahrzeugen eine Million nicht übersteigen wird – schon alleine aus Mangel an Chauffeuren. Aktuell befindet sich Crowdfunding in einem ähnlich frühen Stadium wie das Automobil damals. Nur, dass Transformationsprozesse viel schneller ablaufen. Wer jetzt nicht gestaltet kann diesen Rückstand später kaum noch aufholen. Unsere frühere „Regierung“ unter Kaiser Wilhelm II. hat zu seiner Zeit die These vertreten, dass das Automobil nur eine vorübergehende Erscheinung ist. Er glaubte an das Pferd. Ein Transfer der heutigen Politik ist damit vergleichbar, als hätten unsere damaligen Entscheidungsträger in den Anfangszeiten des Automobils einen Zuschuss für das Züchten schnellerer Pferde gegeben hat. Dies war nicht der Fall. Das Automobil konnte sich frei entwickeln. Übertragen ist die heutige Politik passiert aber genau das: Wir subventionieren analoge Finanzierungsinstrumente und erwarten, dass sich die neuen in diesem unfairen Marktumfeld entwickeln. Stellen sie sich selbst die Frage, ob wir heute die Automobilindustrie als unseren stärksten Wirtschaftssektor hätten, wenn wir damals eine solche Politik gefahren hätten? Es ist Zeit zu handeln! Längst überfällig!

 

Im nächten Beitrag geht es um Crowdinvesting. Zu politischen Versäumnissen, brachliegenden Potenzialen und einen Blick über den deutschen Tellerrand! 

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Written by Markus Sauerhammer